Karate-Stände: Warum wir stehen üben, um uns besser zu bewegen
Post vom Sensei
Von Jens Donat · 5. Dan AKS / Chi Do Kwan Karate -·JAM-Dojo Bookholzberg
Karate beginnt und endet mit Respekt. Für mich gehört dazu auch, aufmerksam zu sein: gegenüber meinem Trainingspartner und gegenüber dem, was mein eigener Körper macht. Und manchmal lohnt sich dafür ein Blick nach unten....
Die Hände machen eine Technik, aber passen die Füße dazu? Wo liegt mein Gewicht? Kann ich mich weiterbewegen, oder stehe ich mir gerade selbst im Weg?
Im AKS / Chi Do Kwan Karate interessiert mich besonders der Umgang mit ankommender Kraft: Wie kann ich sie umlenken, aufhalten, weiterführen oder ins Leere laufen lassen?
Ich beschreibe das für mich gern als den „Weg der Energie“. Unsere Stände spielen dabei eine wichtige Rolle.

Dachi: Was unsere Stände leisten
Die Karate-Stellungen heißen 立ち — Dachi bedeutet im Karate „Stand“ oder „Stellung“. Sie helfen uns, das Gleichgewicht zu halten, Kraft zu übertragen und Bewegungen vorzubereiten. Drei bekannte Beispiele zeigen, wie unterschiedlich wir unseren Körper dafür einsetzen können. Vielen Dank an www.karate-norden.de für die passende Grafik dazu.
Kiba-dachi — 騎馬立ち - Reiterstellung
Die Füße stehen breit und parallel, die Knie sind gebeugt. In der Grundform verteilt sich das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine. Wir üben, stabil zu stehen und den Oberkörper aufrecht zu halten. Einfach möglichst tief zu gehen, reicht dafür nicht. Die Stellung soll kontrolliert sein – und uns den nächsten Schritt ermöglichen.

Kokutsu-dachi – 後屈立ち - die Rückwärtsstellung
Hier liegt mehr Gewicht auf dem gebeugten hinteren Bein. Der vordere Fuß zeigt nach vorn, der hintere ist seitlich ausgerichtet. So können wir beispielsweise das Zurücknehmen des Körpers mit einer Abwehr verbinden. Dabei bleibt der Oberkörper aufgerichtet: Gewicht nach hinten verlagern und sich nach hinten lehnen sind zwei verschiedene Dinge. Das Körpergewicht ist mit etwa 80% auf dem hinteren Bein

Zenkutsu-dachi – 前屈立ち - die Vorwärtsstellung
Das vordere Knie ist gebeugt, das hintere Bein in der Grundform gestreckt, ohne das Knie zu überstrecken. Die Füße stehen seitlich versetzt, der größere Gewichtsanteil liegt vorn. Diese Stellung kann eine nach vorn gerichtete Technik unterstützen. Bei einem Fauststoß sollen Beine, Hüfte und Arm zusammenarbeiten. Wird der Stand zu lang, machen wir uns das Weiterbewegen unnötig schwer.
Wie tief und weit wir stehen, hängt von Stilrichtung, Körperbau und Anwendung ab. Die Stellung muss zur Aufgabe passen.

Ein Stand ist aber kein Parkplatz
Die Übersicht der Dachi zeigt einzelne Positionen. Gut zu erkennen sind etwa die parallelen Füße im Kiba-dachi oder die unterschiedliche Fußausrichtung im Kokutsu-dachi. Was zwischen diesen Positionen passiert, müssen wir im Training herausfinden.
Stellen wir die drei Bilder nebeneinander, lässt sich schon erahnen, wie aus einzelnen Ständen eine Bewegung entstehen kann. Im Training verbinden wir diese Positionen miteinander – und spüren, wie sich dabei Gewicht, Gleichgewicht und Körperausrichtung verändern.

Beim Wechsel vom Kokutsu-dachi in den Zenkutsu-dachi wandert beispielsweise der Schwerpunkt nach vorn. Verbinden wir das mit einer Technik, müssen Gewichtsverlagerung, Hüftbewegung und Arme zeitlich zusammenpassen. Nur die Füße umzustellen genügt nicht.
Ich beginne also an Punkt A und komme vielleicht erst an Punkt B oder C zum Ende meiner Bewegung. Dabei kann ich eine Kraft aufnehmen, ihr eine andere Richtung geben oder ihr ausweichen.
Wie die sprichwörtliche Eiche stehen zu bleiben und alles abfangen zu wollen, ist jedenfalls nicht meine bevorzugte Lösung.
Das muss man seinem Körper erst einmal erzählen
Im Kopf klingt das oft ganz einfach. Der Körper braucht ein paar Wiederholungen mehr. Dafür sind wir schließlich im Training.
In letzter Zeit haben wir im JAM-Dojo genauer auf Stände und Körperpositionierung geachtet. Ich sehe, dass unsere Schüler bewusster damit umgehen: Wo stehe ich zu Beginn? Wohin führt mich die Übung? Und wie komme ich so an, dass ich weitermachen kann?
Besonders bei der Partnerarbeit wird das spürbar. Eine kleine Veränderung der eigenen Position kann viel ausmachen, wenn wir eine Bewegung umlenken oder einen Wurf vorbereiten. Plötzlich geht etwas leichter, das vorher noch viel Kraft gekostet hat.
Bis dahin schauen wir auf der Matte ruhig öfter mal auf unsere Füße. Da gibt es auch nach vielen Trainingsjahren noch etwas zu entdecken.
Bis zum nächsten Training!
Euer Jens Donat
JAM-Dojo Bookholzberg
Lerne die Kunst der Selbstverteidigung!






Kommentare